Alpenstadt-Randnotizen

Wenigstens für ein Jahr ist nun doch geschafft, was zumindest der befragte Teil der Bevölkerung von Herisau sehr deutlich abgelehnt hat. Herisau, ist eine Stadt, vorübergehend. Sogar die Alpenstadt. Nun kann jeder Bewohner selber ausprobieren, wie es ist, vom Dorf- zum Stadtbewohner zu mutieren. Jeder kann sich seine eigene Meinung darüber bilden, was den Unterschied zwischen einem Dorf und einer Stadt ausmacht. Alle wissen: Das Stadtleben findet im Stadtkern statt. Eine Stadt, wie klein auch immer, hat einen Kern, einen möglichst blitzblank gefegten Vorzeigekern. Die Randzonen bleiben was sie auch in grösseren Städten sind: "ländliche Stadtgebiete", oder sind es Randgebiete? Sind Menschen die dort wohnen sozusagen Randständige, oder nur Randstädtische? Kaum einer der Alpenstadtbesucher wird sich die Mühe machen, die Stadtrandgebiete zu besuchen. Und schon gar nicht zu Fuss im Winter. Damit rechnet die Stadtverwaltung ganz offensichtlich. So ein Ausflug wäre nämlich sehr gefährlich, besonders wenn so viel Schnee liegt wie im Alpenstadtjahr. In die andere Richtung müssen die Alpenstadtrandbewohner jedoch hin und wieder. Ins Stadtzentrum. Und sei nur, um zu arbeiten, oder das Stadtleben zu geniessen. In diesem Winter haben die Alpenstadtrandbewohner die Gelegenheit, sich ausgiebig zu ärgern. Es ist nämlich Schnee gefallen. Viel Schnee. Damit hat die Alpenstadtverwaltung wohl nicht gerechnet. Klar, nicht jede Stadtverwaltung muss damit rechnen, dass genau in den Sportferien, wenn die Hälfte der Bauamtsangestellten den Schnee anderswo geniessen, dieser in so grossen Massen vom Himmel flockt. In den Skigebieten darf er ja fallen, dort gehört er hin. Dort müssen ihn die anderen wegräumen. In der Alpenstadt nimmt man es gelassen. Die Strassen werden nach und nach frei gepflügt. Die Schneemassen werden ungerührt auf die Trottoirs gehäuft. Das können die geduldigen Fussgänger verstehen, Autos können kaputtgehen, so etwas kostet viel Geld. Wenn ein Fussgänger knietief im Schnee watet, kann nicht viel kaputt gehen, jedenfalls nichts teures. Also sind die Fussgänger einsichtig und gönnen den Auto fahrenden Bürgern die freie Fahrt. Zögernd und unsichere Seitenblicke werfend, erlauben sie sich jedoch hin und wieder, eine Strecke auf der Strasse zu gehen. Hier setzten sie sich aber den strafenden Blicken der Vorbeifahrenden aus. Sie müssen in Kauf nehmen, angehupt oder gar angefahren zu werden. Entschliessen sie sich, eine Kreuzung möglichst ungefährdet zu überqueren und benutzen dazu die sparsam freigeschaufelten Engpässe, machen sie gewaltige Umwege. Und kurz darauf stossen sie wieder auf ungepflügte Trottoirs. Die Alpenstadtfussgänger können leider nicht an jeder Ecke in ein Tram steigen. Immerhin: Auf einigen Stadzufahrten kommt stündlich ein Bus vorbei. Wie in jedem gewöhnlichen Dorf.

 

                                               zurück

© roderer