Wahre Liebe

Plötzlich lässt er sich die Haare wachsen. Er fängt an, sich zu rasieren obwohl es nichts zu rasieren gibt. Er trägt schlabberige Pullis und riesige T-Shirts. Seine Hose hängt auf Halbmast - ganz knapp am Hintern. Die Boxershorts zieht er bis drei Zentimeter unter den Bauchnabel hoch, die Halbmast-Flatterthose zurrt er mit einem Gürtel halbherzig über den Pobacken fest. Festhalten muss er sie trotzdem. Dazu steckt er seine Hände in die mit der Hose nach unten gerutschten Hosentaschen. Weil seine Arme nicht so weit hinunter reichen, muss er einen Buckel machen. Er streckt den Kopf leicht vor beim Gehen - und sieht aus wie ein Primat. Entwickelt er sich wieder zurück?

Wenn er sein Handy für einen Moment in beide Hände nehmen muss besteht die Gefahr, dass ihm die Hose auf die Schuhe fällt. Schuhe? Sie sehen aus wie Autofähren! Kein Wunder, dass er damit nicht gehen kann. Er schlurft wie ein Greis.

Morgens steht er zehn Minuten vor dem Spiegel und bringt mit unendlicher Geduld noch mehr "out of bed-Look"-Gel Haar um Haar in Position. Ziel ist das totale Durcheinander". So wird das Haar fixiert. Mit Mutters Lack.

Er bewegt sich in einer undefinierbaren Wolke aus Haarlack- Gel- und Aftershaveduft. Noch lieber als die gestylte Heuheuhaufenfrisur würde er auch bei grösster Hitze seine Wollmütze tragen. Bei herbstlich kalten Temperaturen spielt er im ärmellosen T-Shirt bis weit in die Nacht mit seinen Freunden Streetball. Alles andere ist uncool.

Und er hat eine Freundin. Ein hübsches Mädchen mit strahlenden Augen. Wie konnte sie sich nur in diese Karikatur verlieben? Braucht sie eine Brille?

Sie kann ihn nicht lieben.

Jedenfalls niemals so wie ich ihn geliebt habe. Bis vor kurzem.

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© roderer